Privat

Stark sein

Kennt ihr diese Menschen, die selbstbewusst durchs Leben gehen? Die scheinbar nichts beirren kann oder verzweifeln lässt? Die immer stark wirken und so, als könnte sie nichts umhauen? Das ist meistens nur Fassade. „Starke“ Menschen sind meistens noch verletzlicher. Ich bin so jemand. Nach außen hin funktionieren wir „starken“ Charaktere, doch in uns sieht es oft ganz anders aus…

Das Leben besitzt nicht nur positive Seiten. Wir alle durchleben hin und wieder schwierige, dunkle Zeiten. Ich habe solche Zeiten zu genüge durchlebt. Und sie haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Irgendwann kam ich an einem Punkt an, an dem ich mich entscheiden MUSSTE: will ich alles so hinnehmen oder will ich kämpfen und irgendwie weiter machen? Damals wurde ich zur Kämpferin. Ich bin dankbar dafür, denn ich bin fähig, mich selbst aus der Misere zu ziehen, mir selbst zu helfen. Doch zu kämpfen, bedeutet nicht, dass ich unfassbar stark bin. Absolut nicht. Ich habe, wie jeder andere, eine Seele. Und sie hat einfach schon zu viel Mist gesehen und durchgemacht.

Ich habe in der Beziehung und Ehe mit meinem Ex-Mann gelernt, stark zu sein. Wenn er seine Anfälle hatte, wenn seine unsinnige Wut und Agression sich wieder mal so steigerte, dass er ausrastete, dann war ich die Person, die stark sein musste. Nicht nur, um meinen Ex-Mann vor sich selbst zu schützen- sondern mich selbst vor ihm. Wäre ich zusammen gebrochen, dann würde ich jetzt nicht hier sitzen und diese Zeilen tippen können. Um den ganzen Rotz zu ertragen, habe ich damals die Entscheidung getroffen: sei stark. Diese Kraft hat mir geholfen, ihn zu verlassen, mein bisheriges Leben komplett zu beenden, Freundschaften aufzugeben und neu anzufangen. Ohne diese Stärke hätte ich nicht gelernt, dass ich vieles schaffe, in dem ich an mich selbst glaube.

Doch starke Menschen werden oft missverstanden. Sie wirken auf andere einschüchternd, dominant und kraftvoll. All das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich habe nur gelernt, meine Probleme für mich zu behalten, mit mir selbst auszumachen und sie selbstständig zu lösen. Denn ich habe auch gelernt: wenn ich mich anderen anvertraue, mich auf sie verlasse, dann ist das alles andere als eine Hilfe. Doch hinter dieser starken Fassade steckt so viel mehr.

Nein, ich bin nicht stark. Ich gehe mit manchen Themen nur rationaler um als andere- weil ich Angst habe, erneut verletzt zu werden. Mit der Zeit habe ich eine Schutzmauer um mich errichtet, die wirklich wunderbar funktioniert. Mit jeder Enttäuschung, mit jeder Zurückweisung, mit jeder negativen Erfahrung, baue ich diese höher und sie wird immer stabiler. Ab und an passiert es dann doch: ich begegne jemandem, der die Stabilität in Gefahr bringt, der es wagt, über die Mauer zu schauen und feststellt, was sich dahinter befindet. Eine Seele, die zwar kämpft, wenn es darauf ankommt- aber die auch schwach ist und es auch immer mal sein möchte. Ich habe Angst, wieder verletzt zu werden. Angst, die Wände meiner Mauer abzubauen, mich zu öffnen und am Ende festzustellen, dass es sich nicht gelohnt hat. Wenn ich etwas in einen Menschen investiere, dann , weil ich es ernst meine. Ich habe gelernt, meine Zuneigung nicht mehr so schnell zu verschenken. Das ist keine Gefühlskälte, sondern einfach nur die Angst vor all den Gefühlen, die ich schon durchlebt habe. Nicht nur ein Mal. Mein Herz und meine Seele sind des Kummers und Leids überdrüssig. Um sie zu schützen, gehe ich anfangs auf Distanz… doch wenn ich etwas in einen Menschen investieren, dann kann er davon ausgehen, dass ich es aufrichtig und ernst meine. Ob Zuneigung, Freundschaft, Loyalität, Liebe – ich wirke zwar stark, ich versuche mich zu schützen- doch diese Werte kann ich trotzdem geben.

Was ich mir wünsche? Das man als „starker Mensch“ nicht automatisch mit Dominanz gleich gesetzt wird. Das sich mehr die Mühe machen, hinter die Fassade zu schauen. Stark zu sein ist keine Schwäche. Doch manchmal will man einfach nur schwach sein dürfen…

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